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Petras Gartenkolumne: Wie ich einmal ein grünes Megamonster erschuf

Am Wochenende habe ich mein Kräuterbeet wieder frühlingsfrisch gemacht und einige Erdbeerpflanzen gesetzt, die ich im letzten Jahr in ihren Anzuchttöpfen vergessen hatte. Dieses Beet war relativ einfach zu jäten und als nächstes wandte ich mich unserem Terrassenbeet zu.

Schon der erste Versuch, Laub mit dem kleinen Handrechen zu entfernen, endete in einer kahlen Ranke Wilden Weins. Der Rechen verhedderte sich und es dauerte einige Zeit, bis ich ihn wieder befreit hatte.
Ich schnitt die Ranke ab und versuchte mein Glück erneut – mit dem gleichen Ergebnis.

Frustriert wandte ich mich dem Vorgartenbeet zu: Laub entfernen – hängenbleiben. Weil sich auch dort Parthenocissus quinquefolia breit gemacht hatte. Nicht nur im Beet, sondern im gesamten Vorgarten. Dabei ist mir das Problem nicht ganz neu …

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Die Geister, die ich rief …

Es war in den 80ern, als ich während meines Stadtplanungsstudiums mit der Idee »grüner« Häuser in Kontakt kam: Ich war fasziniert von der Idee, ein Büro in einem Glashaus zu haben, in dem große Bananenstauden wuchsen, und immer wieder stieß ich auf die Vorteile von Häusern mit begrünten Fassaden. Völlig zugewachsene Gebäude waren für mich der Inbegriff des Glücks. Ich hatte mich derartig intensiv in das Thema Kletterpflanzen eingearbeitet, dass ich am Ende meine Studienarbeit dazu schrieb.

Leider fehlte mir das passende Haus, das ich hätte begrünen können, da ich immer nur zur Miete gewohnt hatte. Die Vermieter waren von meinem Vorschlag nicht begeistert, und ließen sich auch nicht davon überzeugen, dass Fassadenbegrünung Wetterschutz bietet und für gesundes Klima in den Räumen sorgt.

Grüne Vorhänge

Als wir in unser eigenes Haus zogen, zog ich sofort los, kaufte fünfblättrigen Wilden Wein und pflanzte ihn rundherum ans Haus. Von unterwegs brachte ich einige Efeu-Stecklinge mit, die ich ebenfalls dazu pflanzte. Die grünen Ranken erklommen zügig die Mauern und bedeckten das Haus mit einem kuschlig-grünen Pelz, in dem Vögel nisteten.

Es gab und gibt diverse andere Pflanzen in unserem Garten, die ich sehr hätscheln muss, damit sie überhaupt wachsen. Ganz anders beim Parthenocissus: Ich kam bald kaum noch damit hinterher, die Fenster vom Wein freizuhalten. Erst wuchs die Satellitenschüssel zu, dann der Vorgarten. Denn wann immer ich beruflich zu sehr eingespannt war, um mich anständig um den Garten zu kümmern, war anschließend nicht das Unkraut mein Hauptproblem, sondern der Wein. Er eroberte den Fliederbusch und ließ lange, grüne Girlanden von der Terrassenüberdachung hängen, kaum, dass ich drei Tage nicht hinsah.

Wildgewordener Wein

Im letzten Jahr hat der Wein die Kissenbox verschluckt, die neben der Terrasse steht. Die Ranken im Vorgarten wachsen so schnell, dass sie wohl in ein paar Wochen die Straße erreichen und die Siedlung auf der anderen Straßenseite überwuchern werden. Von da ist es nicht mehr weit bis zur Stadtautobahn und in die Innenstadt. Der Funkturm wird Berlinbesucher schon von der AVUS in Grün begrüßen, auch wenn das Festival of Lights gerade nicht stattfindet. Es kann allerdings auch sein, dass niemand mehr in die Stadt hineinkommt, denn der Wildgewordene Wein (Parthenocissus furiosus), bildet immer schneller immer dickere Ranken mit stärkeren Saugfüßchen aus. The Day After Tomorrow ist ein Kinderfilm gegen das grüne Inferno, das die Besatzung der ISS bei einem Blick auf den einstmals Blauen Planeten zu sehen bekommt. Und all das nur, weil ich im Studium so begeistert von Fassadenbegrünung war. Tut mir wirklich sehr leid.

© Petra A. Bauer, 30. März 2017

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