Piekersträucher - beliebte Spielplatzbepflanzung in den 60er Jahren.

Petras Gartenkolumne: Piekersträucher

Ich bin ein Kind der 60er und in einer typischen 60er-Jahre Siedlung großgeworden: Drei bis achtgeschossige Wohnhäuser in Zeilenbauweise mit Abstandsgrün. Das Abstandsgrün bestand größtenteils aus Rasenflächen mit „Betreten verboten“-Schildern, auf denen wir immer Brennball spielten oder „Fischer, Fischer, wie tief ist dasWasser?“ Für die jüngeren Leser: Brennball ist eine Art Baseball für Arme.

Die Rasenflächen waren kreuz und quer mit Wegen durchzogen. Gut gemeint, aber überall mit Trampelpfaden über die verbotenen Wiesen abgekürzt. Zum Beispiel von unserem Hauseingang zum nächst gelegenen Buddelkasten.

Dieser Buddelkasten (der im restlichen Deutschland vermutlich eher als Sandkasten bekannt ist, aber ick bin nunmal eine Berliner Pflanze) mag dreifuffzich mal dreifuffzich Meter groß gewesen sein, was mir natürlich viel größer vorkam, als ich ein kleiner Murkel war. In der Mitte der Sandfläche befand sich ein Holzbalken (Wozu? Ehrlich, ich habe keine Ahnung! Balancieren? Sandkuchen drauf abstellen? Holz hacken?) und die beiden Seiten, an denen der Weg nicht entlangführte, waren von niedrigen Betonmauern flankiert. Und dahinter: Piekersträucher, wohin das Auge blickte.

Piekersträucher - beliebte Spielplatzbepflanzung in den 60er Jahren.

Piekersträucher – beliebte Spielplatzbepflanzung in den 60er Jahren.

Äußerst kinderfreundlich

Ich habe mich nie gefragt, wie diese Sträucher hießen – ich war viel zu beschäftigt damit, die Wunden zu lecken, die diese Dinger rissen. Denn doofe Einzelkinder, wie ich eines war, wurden mit wachsender Begeisterung in die Piekersträucher geschubst. Ich hatte beim Buckern* gewonnen? „Ey, du bist doof!“ (ab in die Piekersträucher!). Ich hatte beim Buckern verloren? Zum Trost gab es ein Abtauchen in die Piekersträucher. Das wurde eigentlich nur noch getoppt durch die mit Brennesseln gefüllten Löcher, die man mir zum sechsten Geburtstag schenkte, und in die ich doch bitte barfuß hineinsteigen sollte. Die Mittelfingergeste kannte man damals noch nicht, sonst wäre das wohl meine Antwort für die netten Nachbarskinder gewesen.

*Bucker nennen wir Berliner die bunten Glasmurmeln. Zum Buckerspielen oder kurz „Buckern“ gruben wir ein Loch in den Sand und versuchten von einer bestimmten Linie aus, abwechselnd die Bucker ins Loch zu treffen. Dabei gab es Einer, Zweier und Fünfer, das richtete sich nach der Größe der Murmeln und die seltenen Fünfer waren natürlich am begehrtesten.

Mahonie und Berberitze

Ich habe erst anlässlich dieser Kolumne nachgesehen, wie diese Folterpflanzen eigentlich hießen, die mich während meiner gesamten Kindheit begeleiteten. Die Sträucher, die die Buddelkästen säumten, waren (und sind es noch heute) Berberitzen, auch Sauerdorn genannt. Als ich das las, fiel mir ein, wie gerne wir die Blätter gelutscht hatten, die so schön säuerlich schmeckten. Wir knabberten auch die Herzchen vom Hirtentäschel und saugten Fliederblüten aus, denn schließlich hatten unsere Eltern uns ja eingebläut, dass wir auf gar keinen Fall Pflanzen in den Mund nehmen dürften – schließlich könnten sie giftig sein. ‚Betreten verboten‘ lässt grüßen. Das Prinzip war eigentlich ganz einfach: Irgendwelche wagemutigen Kinder knabberten die Blätter ud Blüten zuerst. Nach einer angemessenen Zeit, wenn die Mutigen weder Schaum vorm Mund hatten noch tot umgefallen waren, konnten wir getrost ebenfalls von dem Grünzeug probieren.

Dann gab es noch andere Sträucher, die direkt an die Häuser gepflanzt wurden. Man konnte sie ebenfalls zu den Piekersträuchern zählen, weil ihre Blattränder mit Dornen besetzt waren. Zum Hineinwerfen waren sie allerdings nicht schmerzhaft genug. Meine Google-Recherche ergab, dass es sich um die Stechdornblättrige Mahonie handelt. In allen Teilen giftig. Und die blauen Beeren aßen wir tatsächlich nicht. Ich kann mich allerdings ncht erinnern, ob es da vielleicht auch einen Vorkoster gab, den das nicht bekommen war.
Auf jeden Fall konnte man mit diesen Beeren sehr schön auf den Gehwegplatten herumschmieren. Die blauen Zeichnungen waren sehr haltbar – auch in der Kleidung.

Und als wären das der Pieker noch nicht genug, gab es auch ein großes Beet mit Rosen. Rosen mit den fiesesten Stacheln (nicht Dornen; eigentlich müsste das Märchen auch Stachelröschen heißen), die man sich vorstellen kann. Und Hagebutten. Schön anzusehen, aber leider auch die Alternativstrafe für Piekersträucher. Denn, wenn man die Hagebutten aufpuhlte, hatte man herrliches Juckpulver, das bevorzugt gegen Einzelkinder eingesetzt wurde.

Wer denkt sich sowas aus?

Als wir kürzlich die Berberitze auf unserer Grundstückseinfahrt beschnitten (wir haben die quasi geerbt) fielen mir die Piekersträucher meiner Kindheit wieder ein. Und erst dann habe ich mich gefragt, wer sich das eigentlich ausgedacht hat. Schließlich war unsere Siedlung nicht die einzige, die genau mit diesen Pflanzen bestückt worden war. Und diese Siedlungen im sog. Sozialen Wohnungsbau waren ja speziell für Familien mit Kindern angelegt worden. Waren da landschaftsplanerische Sadisten am Start? Oder Darwinisten, die sich nach Bezug der Wohnungen hinter den pieksenden Büschen auf die Lauer legten und beobachteteten, wer die Verletzungen überlebte und wer die diversen giftigen Beeren?

Ich vermute ja, es sind die gleichen Menschen, die zwanzig Jahre später Häuser konzipierten, in denen man entweder eine Treppe hinauf oder eine hinter laufen musste, um den Fahrstuhl zu erreichen. Und wenn man den Kinderwagen endlich dort hatte, musste man ihn schräg hinten in die Ecke des winzigen Aufzugs schieben und so ankippen, dass das Kind quasi auf dem Kopf stand. Die Kinderquäler sterben eben nie aus.

© Petra A. Bauer, August 2015

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