Marienkäfer

Naturnaher Garten: Wo die wilden Nützlinge wohnen

Viele Insekten und andere Wildtiere gehören zu den bedrohten Arten, weil ihnen der natürliche Lebensraum fehlt. Garten und Balkon können ihnen einen Ersatz bieten. Landschaftsplanerin Sonja Schwingesbauer erklärt, wie man diese Räume gestaltet, damit sich Mensch und Tier darin wohl fühlen.

Wildgarten

Ein Fleckchen Grün für alle: Im Garten von Sonja Schwingesbauer fühlen sich Pflanzen, Tiere und Menschen wohl.
Foto: Sonja Schwingesbauer

Seit 2006 experimentiert Sonja Schwingesbauer als begeisterte Laissez-faire-Gärtnerin in ihrem wilden Nützlingsgarten mit Wild- und Nutzpflanzen. Tiere sind in ihrem Garten keine Gäste, sondern Bewohner. Auf ihrer Website www.sonjaschwingesbauer.at schreibt sie einen Blog zu diversen Themen rund um das naturnahe Gärtnern.

Ich wollte von der promovierten Landschafts- und Pflanzplanerin wissen, wie man einen lebendigen Garten gestaltet, in dem sich nicht nur Menschen, sondern auch Tiere wohl fühlen.

Frau Schwingesbauer, warum sind Wildtiere im Garten wichtig?

Sonja Schwingesbauer

Laissez-faire-Gärtnerin Sonja Schwingesbauer
Foto: Schwingesbauer

Ich verstehe einen Garten als Ökosystem, das unter anderem aus Pflanzen und Tieren besteht, also der belebten Natur. Das Ökosystem Garten funktioniert dann, wenn Lebenskreisläufe ineinandergreifen. Es ist ein überaus komplexes natürliches System: Werden – Wachsen – Leben – Vergehen. Dabei spielen Wildtiere – neben uns Menschen – eine besonders wichtige Rolle. Denn Pflanzen und Tiere haben vielfältige und eng verknüpfte Beziehungen.

So benötigt ein Großteil der Pflanzen die Wildtiere wie Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Wespen und Käfer zur Bestäubung, damit sie Fruchtkörper, also Samen und auch Früchte ausbilden können. Ich brauche daher die Bestäuber für meine Obst- und teilweise auch für meine Gemüseernte: Keine Bestäuber bedeutet keine Erdbeeren, Kirschen, Tomaten, Erbsen, Bohnen… Tiere wie Ameisen und Vögel helfen den Pflanzen dann auch, die Samen zu verbreiten. Diese Verbreitung durch Tiere bezeichnet man als Zoochorie.

Des Weiteren beschützen zahlreiche Wildtiere – direkt oder indirekt – Pflanzen vor Fressfeinden, indem sie diesen nachstellen. Verschiedene Marienkäferarten, Florfliegen- und Schwebfliegenlarven sind zum Beispiel beliebte Nützlinge, weil sie Blattläuse vertilgen.

Und schließlich gibt es Tiere, die abgestorbene Organismen ab- und umbauen und sie so dem System rückführen. Sie verarbeiten die Stoffe auf dem Komposthaufen und halten den Boden intakt. Etwa der Regenwurm, der den Boden durchlüftet und Blätter in die Röhren zieht. Aber auch Tausendfüßler, Assel, Spring- und Doppelschwanz arbeiten am Recycling der Stoffe mit. Jedes Tier hat mehrere Funktionen im Ökosystem Garten.

Ich finde, dass Wildtiere gemeinsam mit Pflanzen den Garten erst zu einem wirklich lebendigen und interessanten Ort machen. Darum sind Wildtiere für mich wichtig im Garten. Und das wollte ich in meinem Buch „Wo die wilden Nützlinge wohnen“ beschreiben.

Welche Nützlinge kann ich leicht im Garten ansiedeln – und wie mache ich das am besten?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Aber grundsätzlich braucht es als erstes tierfreundliche Lebensbedingungen, damit sich Nützlinge im Garten überhaupt ansiedeln können. Und die Basis eines wilden Nützlingsgartens ist die Biogärtnerei, also Gärtnern ohne Pestizideinsatz. Damit fängt es an.

Wildbiene auf Flockenblume

Wildbienen und andere Insekten fliegen auf Flockenblumen.
Foto: Sonja Schwingesbauer

Welche nützlichen Wildtiere sich dann ansiedeln könnten, hängt sehr stark vom Umfeld und dem umgebenden Naturraum ab. Nicht überall leben dieselben Tierarten, auch nicht in Mitteleuropa. Bei mir im pannonischen Weinviertel in Niederösterreich mit seinen heiß-trockenen Sommern sind Gottesanbeterinnen häufig anzutreffen. Blindschleiche und Ringelnatter hingegen lassen sich bei mir im Garten nicht blicken. Es ist einfach zu trocken. Dafür leben die wärmeliebenden Wechsel- und Knoblauchkröten im Garten.

Auch die Bepflanzung bestimmt mit, welche Tiere sich ansiedeln. Offene Bereiche wie Wiesen und Blumenbeete begünstigen viele Fluginsekten wie Schmetterlinge und Wildbienen – vorausgesetzt, sie finden ausreichend Blüten. Gehölzreiche Bereiche hingegen fördern viele Vogelarten. Zaunkönig und Rotkehlchen beispielsweise lieben Hecken und Dickichte besonders, weil sie hier Nahrung und Bruthabitat in einem finden.

Im Garten kann man verschiedene Vegetationselemente wie Kräuterrasen, Wildblumenbeet, Nützlingsbaum und Vertikalbegrünung selbst auf wenig Raum kombinieren und damit unterschiedliche Strukturen schaffen. Das lockt dann auch die unterschiedlichsten Nützlinge an. Die ersten Bewohner im Garten sind meist jene, die flugfähig sind. Nach und nach folgen andere Tiere.

Wodurch vertreibe ich Wildtiere – und wie vermeide ich diese Fehler?

Fehler würde ich nicht unbedingt sagen. Aber es gibt tierfreundliche und tierfeindliche Lebensorte. Und ich denke, dass es uns meist nicht bewusst ist, dass wir Wildtieren das Leben schwer machen oder es sogar gefährden.

Igel

Igel sind tolle Gartenhelfer, aber nicht alle Gärten sind igelfreundlich.
Foto: Sonja Schwingesbauer

Igel etwa können einfach nicht mehr in viele Gärten gelangen, weil der Zaun keinen Durchschlupf bietet oder das Zaunfundament zu hoch ist. Und selbst wenn der Igel dann in den Garten gelangt, findet er dort nicht immer genug Nahrung, Wasser und ein Tagesversteck. In solchen Gärten wird er sich nicht dauerhaft ansiedeln, weil er keine Lebensgrundlage findet. Manche Gärten stellen auch eine tatsächliche Gefahr für den Igel dar. So verletzen manchmal Rasenmähroboter die kleinen Rabauken lebensgefährlich.

Es ist also unsere Unwissenheit, die oft die Ansiedlung von nützlichen Wildtieren verhindert. In meinem Buch habe ich ein paar essenzielle Dinge angeführt, die schon viel positives Bewirken können: Zum Beispiel keine ständige Nachtbeleuchtung und keine Spiegel im Garten haben. Schächte und Wassertonnen abdecken. Und neben einer vielfältigen Begrünung Extras anbieten wie beispielsweise Nistmöglichkeiten, Unterschlupf und Wasser.

Auch Gärtnern nach dem Laissez-faire-Prinzip bewährt sich: Nicht zu viel pflegen, sondern nur eingreifen, wenn es nötig ist. Spontanvegetationen wie Brennnesseln tolerieren und einfach einmal nichts tun. Das begünstigt viele Nützlinge.

Was kann ich tun, damit sich Wildtiere auf dem Balkon wohlfühlen?

Ein Balkon ist ein besonderer Garten, weil er nicht bodenbürtig ist. Flugfähige Wildtiere wie Schmetterlinge, Wildbienen und Vögel können diesen Ort am schnellsten besiedeln. Voraussetzung ist auch hier, dass ich durch eine strukturreiche und vielfältige Bepflanzung einen attraktiven Lebensraum schaffe.

Ich selbst habe keinen Balkongarten. Aber während meiner Recherche für das Buch habe ich Menschen kennengelernt, die aus ihren Balkonen wirklich tolle Gärten geschaffen haben. Und das sind nicht immer große Flächen. Durch die kreative Kombination von Kletterpflanzen, Sträuchern und krautigen Gewächsen, Nisthilfen und Nützlingsquartieren, Futterstationen und Wasser haben sie wunderbare Nützlingsgärten in luftiger Höhe geschaffen. Das lockt auch hier Wildtiere rasch an. Manchmal bauen Vögel wie Bachstelzen sogar ihre Nester in Blumenkisterln und ziehen ihre Jungen auf. Oder kleine Hautflügler, wie Wildbienen und Grabwespen, legen Niströhren für ihre Kinder in den Pflanzentöpfen an. Das ist toll.

Marienkäfer

Marienkäfer siedeln sich auch im Balkongarten schnell an.
Foto: Sonja Schwingesbauer

Einige dieser Balkongärten, die ich kennenlernen durfte, befinden sich mitten in Wien, also einem urbanen Lebensraum. Dort sind diese „hängenden Gärten“ besonders wertvoll. Denn unsere menschlich gebaute Umwelt, die Siedlungen und Infrastruktureinrichtungen, haben tierfreundliche Ökosysteme zerstört oder stark verinselt. Das macht es vielen Wildtieren mittlerweile schwer, sich zu vernetzen. Eine Wildbiene, zum Beispiel, hat einen Aktionsradius von nur wenigen hundert Metern. Sie kann keine großen Distanzen überwinden. Habe ich aber auch im Siedlungsraum ausreichend Grünzellen und wilde Nützlingsgärten – etwa in Form von Balkonen, Gärten und Parks – ist der Austausch zwischen den Populationen möglich: Ihre Vernetzung schafft grüne Korridore, durch die Wildtiere wandern können.

Wer seinen Garten – und dazu zählen für mich eben auch Balkon- und Terrassengärten, aber auch Miniaturgärten auf dem Fensterbrett – tierfreundlich macht, leistet daher einen wertvollen Beitrag zum Natur-, Arten- und Umweltschutz.

Schmetterlinge, Hummeln, Vögel und Igel sind ja okay. Aber was mache ich mit Tieren, die den Pflanzen schaden wie Raupen, Mäuse oder Schnecken?

Ja, das mit den ungebetenen Gästen ist ein heikles Thema. Natürlich ärgere auch ich mich, wenn ein Tier meine Pflanzen schädigt. Wobei man unterscheiden muss, ob die Pflanze dadurch einen bleibenden Schaden hat oder sogar abstirbt oder ob nur wir uns daran stören, weil ein Blatt angeknabbert ist. Ein löchriges Blatt gefällt uns nicht. Aber viele Pflanzen haben davon keinen bleibenden Schaden. Es hängt also auch immer von der Intensität von Schadorganismen ab.

Aber ich muss zugeben, dass selbst ich manchmal von Wildtieren genervt sein kann. Heuer beispielsweise gibt es in meinem Garten so viele Wühlmäuse, dass ich sie überall ständig herumflitzen sehe. Und die kleinen Nager haben leider auch Appetit auf so manches junges Gemüsepflänzchen. Das finde ich dann auch nicht mehr so lustig.

Wühlmaus

So eine Wühlmäuse sieht doch niedlich aus. Dennoch ist sie nicht überall gern gesehen.
Foto: Sonja Schwingesbauer

Aber ich halte es da so wie Karl Foerster, der berühmte deutsche Staudenzüchter und Gartenschriftsteller. Er wurde einmal gefragt, was er gegen Wühlmäuse mache. Seine Antwort: „Wir schimpfen mit ihnen.“ Und ich sehe es so: Die kleinen Wühler haben ihren Lebensort in meinem Garten. Sie wollen mir ja nicht absichtlich was Böses. Sie wollen einfach leben. Auch das beschreibe ich in meinem Buch. Dieses Massenauftreten heuer ist wirklich eine Ausnahme. Und ich weiß, dass Nachbars Stubentiger regelmäßig auf Streiftour in meinem Garten geht. Auch Turmfalken und Bussarde fliegen über meinen Garten. Mit der Zeit löst sich das Mäuse-Problem also wieder von selbst.

Anders ist es tatsächlich mit invasiven tierischen Neubürgern. Die Spanische Wegschnecke ist bei mir kein Problem: Mein Garten ist für sie zu trocken. Ich habe sie das letzte Mal 2017 gesehen. Und da ich kaum noch Topfware kaufe, die auch oft mit Schneckeneiern gratis bestückt ist, kommen auch keine neuen Spanischen Wegschnecken in den Garten.

Der Buchsbaumzünsler hingegen ist nun regelmäßig zu Gast. Und wenn ich meinen Buchs erhalten will, muss ich eingreifen. Ich bringe den Bacillus thuringiensis aus. Aber ich achte darauf, dass wirklich nur der Buchs damit benetzt wird. Denn letztes Jahr waren gleich neben den befallenen Buchspflanzen zwei Raupen des Wiener Nachtpfauenauges an einer Marille, also Aprikose. Und da der Bacillus thuringiensis alle Raupen abtötet, habe ich besonders darauf geachtet, dass diese Raupen verschont bleiben.

Wie geht man am besten mit Schädlingen um?

Eine Wühlmaus, einige Schnecken oder Blattläuse sind kein Grund, in Panik zu geraten. Das ist normal im Ökosystem Garten. Es braucht alle Tiere, auch diese. Es ist das Spiel von Protagonisten und Antagonisten, Jäger und Gejagtem. Erst wenn ein Massenauftreten von schädigenden Organismen zu beobachten ist, sollten wir uns fragen, was hier falsch läuft. Und auch dann sollten wir nicht den Kopf verlieren, sondern zuerst analysieren, was zum Problem geführt hat. Und dann das Problem an der Wurzel packen. Die Tiere selbst können nichts dafür.

Raupe des Schwalbenschwanz

Sind Raupen immer nur Schädlinge? Aus dieser wird einmal ein wunderschöner Schwalbenschwanz.
Foto: Sonja Schwingesbauer

Meiner Ansicht nach müssen wir uns unserer Verantwortung im Garten bewusst sein. Das beschreibe ich auch im Buch: Uns Menschen kommt im Ökosystem Garten eine herausragende Rolle zu. Denn wir können das System beeinflussen und manipulieren. Heute würde ich mir etwa keine Buchspflanzen mehr in den Garten setzen – damit gäbe es dann auch kein Problem mehr mit dem Buchsbaumzünsler. Wenn wir robustes Pflanz- und Saatgut verwenden und Pflanzen einen passenden Standort zum Leben bieten, sind sie vital. Und vitale Pflanzen sind resistenter gegen Krankheiten und Schadtiere. Ich bin der Meinung, dass meist wir es sind, die Probleme schaffen.

Die Einteilung in Nützling oder Schädling ist oft auch zu kurz gegriffen – das sieht man bei den Raupen: Viele davon werden zu den wunderbarsten Schmetterlingen wie Segelfalter und Schwalbenschanz, über die wir uns dann so freuen. Wir sollten uns einfach über die Vielfalt freuen. Denn ein wilder Nützlingsgarten ist ein Lebensraum für alle: Mensch, Wildtier und Pflanze. Wir sollten uns über die Dynamik und Spontanität freuen. Und auch wir selbst können hier das Leben in vollen Zügen genießen und wild sein. Denn wir sind ein Teil der Natur. Also, lasst uns wilder werden!

Vielen Dank für das Interview!

Das Buch zum Thema:

Nützlinge_FBSonja Schwingesbauer: Wo die wilden Nützlinge wohnen. Gärtnern für eine bunte Tier- und Pflanzenwelt.
Löwenzahn Verlag, 2019. 320 Seiten. ISBN 978-3-7066-2645-3
29,90 Euro

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